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Wirkungsweise der Originalen Bowen Technik

21.02.2019 Erstellt von John Wilks

Die Wirkung der Bowen Technik kann durch ihren Einfluss auf eine Vielzahl von Strukturen im Körper erklärt werden. Die Bowen-Griffe stimulieren verschiedene intrafasziale Mechanorezeptoren, die den Muskeltonus beeinflussen und den Tonus des Nervus Vagus erhöhen. Die Bowen-Griffe führen zu einer besseren Hydratisierung der Faszien, wodurch Gefäße und Nerven besser versorgt werden können. 

Die Bowen Technik

Thomas A. Bowen (1916 - 1982) entwickelte eine ungewöhnliche Technik, bei der das Gewebe gleichzeitig auf vielfältige Weise beeinflusst wird. Die Bowen Technik wirkt auf Muskeln entspannend und hilft den Feuchtigkeitshaushalt der Faszien zu erhöhen. Doch darüber hinaus kann damit auch der Tonus der Rumpfmuskulatur erhöht werden, die Fähigkeit der Kontraktion der Faszien verbessert werden, sowie eine Senkung des sympathischen Tonus im autonomen Nervensystem angeregt werden.

Um die Funktionsweise der Bowen Technik zu verstehen, muss man die unterschiedlichen Aufgaben des Bindegewebes und besonders die der Faszien im Körper genauer betrachten. Zum Beispiel müssen Faszien für eine effiziente Fortbewegung gut zurückspringen können, was von der Feuchtigkeitsversorgung abhängig ist (ein wichtiger Effekt der Bowen Arbeit). Dies zeigt sich sehr gut in der thorako-lumbalen Aponeurose, dem Ausgangspunkt vieler Bowen Griffe. Beim Gehen und Laufen fungiert dieser Faszienbereich als eine Art Gummiband („Bungee“), das den Kraftaufwand der Muskeln reduziert. Offensichtlich wird dies in der Bewegung von Tieren wie Kängurus, Lemuren und Gazellen aber auch Menschen.1 Wo diese Fähigkeit des Zurückspingens durch einen Mangel an Feuchtigkeit und reziproke Spannungen in der Faszie beeinträchtigt wird, erfordern Bewegungen wie Laufen und Gehen mehr Kraftaufwand durch die Muskulatur. Veränderungen in der lumbalen Aponeurose sind auch bei Schmerzen im unteren Rücken bedeutsam, da dieser Bereich stark mit sensorischen Rezeptoren innerviert ist. Tatsächlich sind die Faszien das am meisten innervierte Gewebe im Körper und somit das größte Sinnesorgan, mit der höchsten Dichte an Propriorezeptoren2, sowie das mit Bowen Arbeit am meisten angesprochene Gewebe.3

Die Bowen Technik hat eine besondere Wirkung auf die Faszien. Bowen Griffe werden meist direkt auf Muskeln ausgeführt (wobei einige Griffe über Sehnen, Bänder, Gelenke und Nerven gemacht werden). Doch egal welche Strukturen bei der Bowen Arbeit aktiviert werden, sie alle sind von einem Netzwerk von Faszien umgeben (bzw. auch durchzogen) und so werden gleichzeitig immer auch die Faszien beeinflusst, wenn auch mit etwas anderen physiologischen Auswirkungen.

Neben den sensorischen Rezeptoren in der Haut, wie den Merkel-Tastscheiben, den Meissner-Tastkörperchen und den freien Nervenendungen, gibt es wichtige intrafasziale Mechanorezeptoren, die während einer Behandlung aktiviert werden. Meist sind dies Golgi-, Ruffini- und interstitielle Rezeptoren. Manchmal wird bei Bowen Griffen der aufgebaute Druck schnell losgelassen, was sich auf die Pacini-Rezeptoren (sie sind an der Propriozeption beteiligt) auswirkt – doch diese Art von Griffen ist während der Bowen Arbeit selten.

Meistens wird die Haut bei den Bowen Griffen gespannt, für einige Sekunden eine Dehnung – oder ein sanfter Druck – ausgeführt und dann eine langsame, gleichmäßige Bewegung über die anzusprechende Struktur gemacht. Bowen Griffe bestehen meist aus einer – wie bei Schleip beschriebenen2 – Art „langsamen, schmelzendem Druck“. Diese Art von Griffen stimuliert die zahlreichen Ruffini-Rezeptoren, die sich in der Haut und in vielen tieferen Gewebeschichten des Körpers, z.B. der Lendenfaszie, den Dural-Membranen, Bändern und Gelenkkapseln, etc. befinden. Langsame Griffe haben eine ausgleichende Wirkung auf das sympathische Nervensystem4 und führen zu einem tiefen Gefühl der Entspannung beim Klienten. Andere Rezeptoren, die zu einer Hemmung des sympathischen Nervensystems führen und gleichzeitig den Tonus des Nervus Vagus steigern sind interstitielle Rezeptoren, die fast überall im Körper zu finden sind. Einige dieser Rezeptoren (insbesondere die Schmerzrezeptoren) haben eine hohe Reizschwelle und es ist bekannt, dass sie bei chronischen Erkrankungen beteiligt sind. Interessanterweise haben aber ungefähr 50% dieser Rezeptoren Fasern mit niedriger Reizschwelle, die gut auf leichte Berührungen, wie sie in einigen Bowen Griffen verwendet werden, reagieren. Dies erklärt die tiefe entspannende Wirkung von Bowen Behandlungen und die wichtige heilende Wirkung durch einen gesteigerten vagalen Tonus.5

Auf der strukturelleren Ebene beeinflussen etwas mehr Druck und länger ausgeführte Bowen Griffe nahe Ursprung und Ansatz die Golgi-Rezeptoren (sie befinden sich im Muskel-Sehnen-Übergang, den Bändern und der tiefen Faszie). Es wird vermutet, dass die Manipulation dieser Rezeptoren Alpha-Motoneuronen aktiviert und zum Nachgeben des zugehörigen Gewebes führt. Dies scheint auch bei sanftem Strecken des Gewebes, wie z.B. bei Yoga, zu funktionieren.4

Die Stimulation der Muskeln erfolgt als Reaktion der Muskelspindeln auf die Dehnung der Muskelfasern während es Bowen Griffs. Ein Großteil dieser Antwort wird über das Rückenmark übertragen, aber einige Impulse gehen über verschiedene Bereiche des Gehirns wie das Kleinhirn, die Basalganglien, der Formatio reticularis und den Hirnstamm, bevor sie im Thalamus koordiniert und über die verschiedenen motorischen Nervenbahnen zu den Muskeln und Organen zurückgeschickt werden.3 Es dauert rund 90 Sekunden, bis Muskeln darauf reagieren und es ist interessant, dass Bowen Practicioners normalerweise zwei Minuten Pause (und manchmal auch länger) zwischen den verschiedenen Griffserien oder Aktivierungen lassen. Es scheint, dass die gezielten, aber minimalen, sensorischen Stimuli, die während einer Bowen Sitzung gesetzt werden und ohne äußere Störungen ablaufen sollen, es dem Körper ermöglichen, sich neu zu kalibrieren. Dietz6 z.B. hat aufgezeigt, dass das Zentralnervensystem (ZNS) ein „Reset“ der Golgi-Sehnenrezeptoren und der zugehörigen Reflexbögen durchführen kann, so dass sie als empfindliche Antigravitäts-Rezeptoren fungieren.4 Jeder, der die Bowen Technik lernt, lernt auch, den Klienten am Ende einer Behandlung so aufstehen zu lassen, dass beide Füße gleichzeitig am Boden aufsetzen. Dabei wird eine Antwort in den vielen Golgi-Rezeptoren der Plantarfaszie der Füße bewirkt.

Für eine erfolgreiche Bowen Behandlung sind bestimmte Faktoren wichtig: Entscheidend ist, dass es zu keiner übertriebenen Anregung des ZNS mit unnötig vielen Griffen und zu keiner Störung oder Ablenkung des Klienten kommt. Dies ist besonders dann wichtig, wenn bereits eine allgemeine Sensibilisierung der Nervenbahnen und des Gewebes vorliegt, wie z.B. bei chronischen Schmerzen. Darum ist eine der beliebtesten Maximen bei Bowen: „Weniger ist mehr“. Die typischen Elemente einer Bowen Behandlung wie sanftes Dehnen, wiederholtes Drücken und Nachlassen mit Pausen (d.h. Druck aufbauen und dann warten), wirken direkt auf die Faszien, weil dabei die Einlagerung von Flüssigkeit unterstützt wird. Die Pausen scheinen essenziell, da nach einer halben Stunde eine signifikante Zunahme der Hydratisierung beobachtet werden kann.7

Die Fähigkeit des Bindegewebes sich zusammenzuziehen

Wenn man versucht zu verstehen, warum die Bowen Technik funktioniert, ist es wichtig zwischen der Muskelkontraktion (oder einem mangelnden Tonus) – ausgelöst durch Berührung und Manipulation – im Gegensatz zur dauerhaften Bewegungseinschränkung des Bindegewebes zu unterscheiden. Die Muskelkontraktion ist eine hochenergetische Verkürzung des Gewebes, hingegen ist die Kontraktur des Bindegewebes ein “langsamer, (semi-)permanenter, niederenergetischer Verkürzungsprozess. Diese Kontraktur beteiligt in der Matrix verteilte Zellen und wird durch extrazelluläre Ereignisse, wie den Umbau der Matrix, bestimmt.”8

Damit das „System Mensch“ funktioniert, muss das Bindegewebe bestimmte kontrahierende Muster enthalten, um stabil zu bleiben. Seziert man Bindegewebe, kann man deutlich sehen, dass es immer unter Spannung steht – zum Beispiel sind sezierte Nerven und Blutgefäße 25 - 30% kürzer als in ihrer natürlichen Lage.8

Fibroblasten, sind die „Bausteine“ der Faszien, mit den Eigenschaften glatter Muskulatur. Myofibroblasten sind eine Art davon. Sie spielen eine wichtige Rolle für die unter Zugspannung stehenden Netze im Bindegewebe. Die konstruktive Spannung im Bindegewebe ist ein wesentliches Element der „Biotensegrität“ des Körpers.9

Myofibroblasten sind bei Störungen des Bindegewebes (wie z.B. Morbus Dupuytren oder Frozen Shoulder) vielfältig betroffen. Bowen beeinflusst die Myofibroblasten direkt, die sich als Reaktion auf Faktoren wie pH-Wert und Stress langsam zusammenziehen und ausdehnen.2 Diese Reaktion erfolgt innerhalb von Minuten oder Stunden. Während sich der Klient in der Bowen Behandlung (in der Regel ca. 45 Minuten) entspannt, kommt es zu einer Dehnung oder Lockerung der Myofibroblasten. Weichteiltechniken wie die Bowen Technik basieren darauf, strukturelle Änderungen zu bewirken, indem sie den „biotensigritären Aspekt“ des Bindegewebes direkt über die Myofibroblasten beeinflussen. Das erklärt zum Teil, warum Bowen einen so starken und messbaren Effekt auf die Körperhaltung hat.

Dem Bowen Practicioner steht eine Reihe von verschiedenen Techniken zur Verfügung, die individuell auf jeden Klienten abzustimmen sind. Griffe können zum Beispiel schneller oder langsamer erfolgen, mit längeren oder kürzeren Dehnungen, tieferem oder leichterem Druck, medial oder lateral, anterior oder posterior. All dies hat unterschiedliche Auswirkungen wie die Senkung des Vagotonus, eine Steigerung oder Senkung des Muskeltonus, etc.

Zu Beginn ist immer die Beurteilung essentiell, um eine individuelle Anwendung der Bowen Technik für jeden Klienten festzulegen. Es können z.B. viele Klienten Schmerzen im unteren Rücken haben, die Gründe für diese Schmerzen können aber ganz unterschiedlich sein. Eine Bowen Behandlung wird daher nie für zwei Klienten gleich sein, auch wenn sie die gleichen Symptome haben. Dies spiegelt auch die kluge Einsicht des chinesischen Schriftstellers Lin Yutang wider und sollte das Mantra aller ganzheitlichen Therapeuten sein:

“Ein Arzt, der zwei verschiedenen Patienten die gleiche Behandlung verschreibt und eine identische Entwicklung erwartet, ist eigentlich eine Bedrohung für die Gesellschaft.”

Die Arbeit an Klienten mit chronischen Schmerzen ist eine Herausforderung für jeden Therapeuten. Langanhaltende Entzündungen haben eine schädigende Wirkung auf viele Strukturen und Mechanismen im Körper. Sie können viele verschiedene Ursachen haben, wie zum Beispiel alte Verletzungen, Operationen und entzündliche Erkrankungen wie Endometriose. Man weiß zum Beispiel, dass sich Entzündungen im Zahnfleisch (Gingivitis) oder im Kiefer nach Wurzelbehandlungen auf Organe wie das Herz auswirken können oder auch die Ursache für Gelenk- und Muskelschmerzen sein können. Oft ist der ursprüngliche Ort der Entzündung nicht mehr erkennbar, hat aber noch Auswirkungen an einer anderen Stelle im Körper und ist ein Schlüsselfaktor bei chronischen Schmerzen. Sanfte therapeutische Ansätze wie Bowen, scheinen die beste Wahl für Klienten mit chronischen Schmerzen zu sein, da sie sich durch eine sanfte Stimulation der interstitiellen Rezeptoren direkt auf das myofasziale System auswirken, indem sie deren Neigung zur Überempfindlichkeit reduzieren.

Manuelle Therapeuten haben großes Interesse an den Faszien als Kommunikationsweg im Körper.10 Seit vielen Jahren ist bekannt, dass piezoelektrische Effekte, die bei der Spannung von Kollagenfasern entstehen, eine starke heilende Wirkung haben.11 Es besteht kein Zweifel, dass etwas Ähnliches während einer Bowen Behandlung stattfindet, da die Impulse gefühlt werden können, die aufgrund der Dehnung und der rollenden Bewegung eines Bowen Griffes über die Kollagenfasern entstehen. Diese Impulse scheinen die Bereiche der Faszien befreien zu können, die sich nicht frei bewegen können oder – wie Deane Juhan12 es bezeichnet – „thixotrop“ sind. Erhabenes, rotes Narbengewebe wird nach Bowen Griffen rasch und sichtbar weniger fibrogen und weniger entzündet. D.h., dass es zu einer tiefgreifenden physiologischen Veränderung im Gewebe kommt, insbesondere im Verhältnis von Typ I und Typ III Kollagen. Dieses Verhältnis ist entscheidend beim Aufbau der Faszien für die Elastizität.

Die ausgezeichneten Bilder auf der von Dr. J.-C. Guimberteau produzierten DVD13 zeigen deutlich, warum Techniken wie Bowen große Auswirkungen auf die Gefäß- und Nervenversorgung haben: indem sie das Bindegewebe lösen, das Kapillaren, Venen, Arterien und Nerven umgibt, regen sie die Flüssigkeitseinlagerung in den Faszien an.

Die Wirksamkeit der Bowen Technik in vielen Situationen wird durch klinische Erfahrungen bestätigt. Und auch wenn es noch weiterer Forschung in diesem Bereich bedarf, so zeigt es sich doch, dass die Bowen Technik bei der Leistungsfähigkeit der Faszien, der Reduktion von Stress, der Steigerung der Gefäßversorgung sowie der Verbesserung von Mobilität und Körperhaltung unterstützend wirkt.14  

1, Kram, R., Dawson, T.J. Energetics and Biomechanics of locomotion of Red Kangaroos, Comp. Biochem.
   Physiol.B 1998
2, Schleip, R., Fascia as a Sensory Organ, World Massage Conference Webinar, Nov 2009
3, Wilks, J., The Bowen Technique, the inside story CYMA Ltd 2007
4, Schleip, R Fascial plasticity – a new neurobiological explanation. Journal of Bodywork and Movement
    Therapies, 2003, 7(1):11-19 and 7(2):104-116
5, Gellhorn, E., Principles of Autonomic-Somatic Integrations, University of Minnesota, Press 1967
6, Dietz, V., Regulation of Bipedal Stance Experimental Brain Research, 1992 Vol 89 (1), p 229 – 231
7, Schleip, R. & Klingler, W., Fascial Strain Hardening Correlates with Matrix Hydration Changes Fascia
   Research, 2007 Elsevier p 51
8,Tomasek, J et al. Myofibroblasts and Mechano-regulation of Connective Tissue Remodelling Nature
   Reviews 3 (May 2002) pp349 – 363
9, Levin, S & Martin, D-C, Biotensegrity. The Mechanics of Fascia. The Tensional Network of the Human 
   Body Churchill Livingstone, Elsevier 2012 (pp 137 – 142)
10, Oschmann, J Fascia as a body-wide communication system The Tensional Network of the Human Body
   Churchill Livingstone, Elsevier 2012 (pp 103 – 109)
11, Becker, R., The Body Electric Harper 1985
12, Juhan, D, Job’s Body – a Handbook for Bodywork Station Hill Press, NY 2002
13, Guimberteau, J-C., Muscle Attitudes DVD, EndoVivo productions 2010
14, Wilks, J., Understanding the Bowen Technique, First Stone Publishing 2004

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